Sonntag, Juni 10, 2007

Reiseeindrücke


Ich bin müde und im Kopf hängen Bilder vom Film "Hotel Ruanda", deshalb gibt es heute Tagebuch-Ausschnitte. Ich hoffe, ihr fühlt euch nicht beleidigt, sonder geehrt. :)

8. Juni 2007


Angekommen.
"Aus dem Walkman tönt es grell, dem Nachbarn schmerzt das Trommelfell" - den Sinn dieses Spruches scheint Andrea noch nicht verstanden zu haben, aber es ist auch egal. In starker Hitze sind wir auf dem Weg zurück von Hillerød nach Kopenhagen. Seit ca. 10 Stunden befinden wir uns in diesem Teil Dänemarks, sind erschöpft, voll mit ersten Eindrücken und immer noch hungrig auf mehr. Hans-Christian-Andersen Eventyrhuset steht auf der Liste, genau wie der Tivloli und, ganz wichtig, einchecken in der Jugenherberge.
Die Hoffnung auf eine Dusche kann man uns nach 8 Stunden Bus höchstwahrscheinlich anriechen. Andrea hat auf der Fahrt kaum geschlafen - ich fühle mich auch erschöpft und trotzdem wunderbar.

Viajar por viajar

sagt Che Guevara in der Atacamawüste. Kopenhagen ist mein Anfang. Und wunderschön, obwohl ich mir sicher bin dass sich die wirklich tollen Seiten, Viertel, Ecken uns noch nicht gezeigt haben.

(...)

Stygge, stygge Tivoli!
2000 Touristen zu viel, im Anhang der blödere Teil Kopenhagens. Ausserdem unverschämt hohe Preise: Das hat uns in den Teil getrieben, der uns beweist dass kluge Kopenhagener ihre Zeit nicht im Tivoli verplempern. Eine stumme Zeit ist es für uns, mit dem Lückenfüller Musik ist jeder in seiner eigenen Welt, seiner eigenen Sprache. Murmelnd haben sich die Anderen i Wolldecken eingewickelt. Der perfekte Hintergrund für die kleine Großstadt-Idylle. Lichter leuchten, der Ipod lässt uns flinke Finger auf schönem Klavier sehen.
Ich habe, peinlich quietschend und kreischend, den ersten starken Mückenangriff überlebt und nur drei haben es geschafft mich mit meinen erschrocken aufgerissenen Augen als Hintergrundkulisse zu stechen.




Ist das hier Kunst? Schreiben, Musik hören, Fotos machen? Kunst in sich selbst, die Kunst des guten Lebens?


9. Juni 2007


Ausgeschlafen, gesättigt, geduscht und mit gewaschenen und trotzdem komischen Haaren sitze ich in der Absalonsgade. Die Großstadt hat ihre Haupt-Pulsader gleich nebenan, laut und trotzdem nicht störend rauscht ein Gefährt nach dem Anderen vorbei.

(…)

Christiania.
Bunt, laut, grün, leise, fremd, offen, eingeschlossen, einladend und abweisend. Sicher gibt es Worte nicht genug um zu beschreiben wie diese Insel in Kopenhagen wirken kann. Wunderliche Gestalten treiben sich hier herum, hinter uns eine Frau, die zu dick ist um selbst zu gehen, nur in einen blauen Sarong gewickelt. Und Hunde, unzählbar viele Rottweiler, die einen langen Schwanz haben dürfen. Keinen einzigen habe ich gesehen, der aggressiv gebissen hätte.
Wir sitzen am Wasser, im Kinderteil, und ich zumindest geniesse das stille Sitzen, Schreiben und Nichts-Tun. Ferien, så klart, das hier ist ein besonderes Wochenende.
20 Kronen, that’s all I got. Da müssen noch Abendessen und alles drin sein. Ein bisschen nervt es, geldlos zu sein, und ein bisschen ist es ein gutes Gefühl: So soll das sein! So soll das sein?
In Christiania sind die Menschen auch nicht reich, jedenfalls zeigen sie es nicht, soviel steht fest.
Künstler & Lebenskünstler, vermutlich.

henrik schütze
heißt ein Künstler, der uns sein Haus geöffnet hat. Es ist åbent-hus-dag, Tag der offenen Tür, und die Häuser wirklich beeindruckend. Oh!, ich habe riesige Lust einmal in Christiania zu wohnen! Meine Füße sind tot, der eine verletzt, aber ich kann vermutlich behaupten den schönsten Teil Kopenhagens gesehen zu habem.

Eine alte Continental-Fotokamera, „Focus Free“, das ist mein neustes Tauschgeschäft. Mein geliebter, aber hoffentlich ersetzbarer „Stoppt Giftmüll im Oslofjord“-Anstecker gegen eine alte, blitzende und hoffentlich funktionierende Fotokamera.
FROH, FROH, FROH!

10. Juni 2007


Wir sind in Malmö, haben den Bus nach einer schnellen Barfusstour von der der Jugendherberge in der Absalonsgade zum DGI-Haus doch noch bekommen. Irgendwie hatten wir meinen Wecker nicht gehört, deshalb habe ich chaotische Haare, ungeputzte Zähne und gerade erst einen Bolle gefrühstückt.

Gestern abend war noch ziemlich gut, eigentlich. Als wir vor der Jugendherberge sassen kam ein Nudel-und-Tomatensausse-essender Amerikaner, Andrew aus Texas, und war ziemlich nett. Wir sind auf in die Stadt, haben Citybikes gesucht und nur einen 7/11 gefunden, wo uns pleiten Menschen ein zweites Bier ausgegeben wurde.

(…)

Eigentlich geniesse ich es jetzt auch lange zu fahren, ein Stückchen Schweden zu sehen, Erlebtes zu reflektieren und aufzuschreiben.

(…)

Ich kann’s! Ohne Erwachsene oder große Gruppen reisen, pleite in einer fremden Stadt sein und trotzdem an Bier kommen, in Jugendherbergen mit seltsamen Leuten schlafen. Das habe ich fast vergessen: Der Schlafsaal. 150 oder mehr Betten mit Speerholz (oder noch dünnerem, billigerem Material, als Minitrennwand zwischen den laut quietschenden Matratzen, de jede Bewegung verrieten. Es war warm, Leute haben gestöhnt und geshcnarcht, man konnte kommen und gehen wann man wollte und trotzdem habe ich wie ein Stein geschlafen. Gut, wie selten. Vielleicht kam da das Hordentier in uns hoch?

Die Landschaft hier erinnert übrigens mehr als Deutschland als ich es in Norwegen jemals finden könnte: Große, gerade Felder mit grünem Weizen, lange Strecken ohne Wald, Reihenhäuser und sogar eine Windmühle. Aber genau das ist es was Norwegen schöner macht: Seltsam geformte Felder mit Felsinseln in der Mitte, urige alte Holzhäuser und der viele Wald, bzw. die richtige Ödnis auf den Fjells.

(…)

Ein weiteres Mal verlasse ich Göteborg, mit Papphühnchen und Pappbaguette plus Gentomaten im Magen, runtergespült mit Instant-tee. Geschlafen habe ich auch ein ganzes Stück, Gøteborg macht also das Leben schöner. Muligens.

(….)
Dänemark, Schweden, Norwegen, ich bin jetzt durch das Herz Skandinaviens gereist und war in einigen der wichtigsten Städte. Eine davon nenne ich mein Zuhause, noch 19 Tage.

Kommentare:

Christiane hat gesagt…

das klingt wunderbar,
ich liebe deine art zu schreiben!
und von tag zu tag werde ich gespannter, was mich wohl erwartet, dort oben im norden.
ich wünsch dir noch eine schöne zeit :)

Eva-Maria hat gesagt…

welche Ehre ;-), so viel von deinen Notizen mit-lesen zu dürfen. Das klingt nach einer wunderbaren Städtetour...jetzt warst du in Oslo, Stockholm, Kopenhagen - dazu fast ein Jahr Leben in Norwegen - du weltgewandte Abenteuerin!

isa hat gesagt…

hey ira!
hört sich echt nach ner schönen tour an. malwieder super geschrieben und tolle fotos. wie wirs von dir gewöhnt sind.:)
lg
isa

Marie hat gesagt…

hey,
na du
wann fängt denn eigendlich das YES an und genießt du noch die restliche Zeit??
Dein Trip hört sich super an.Ich beneide dich, dass du selbst in deinem Tagebuch so schön und interessant schreibst.:)
Morgen fangen hier in Brühl dann die Ferien an. Wann ist es bei dir soweit??
Schick dir nen Gruß und Kuss Marie

Anonym hat gesagt…

Danke sehr an den Autor.

Gruss Daniela